
Der mit 15 000 Euro dotierte Jazzpreis des Landes Rheinland-Pfalz und des Südwestrundfunks sei für ihn ein Forschungsauftrag, sagt der Percussionist und Komponist Eric Schäfer, als er die Urkunde aus den Händen von Kultur-Staatssekretär Walter Schumacher entgegennimmt. Das Erforschen neuer Klänge und Sounds, das Ausloten der immer fließender werdenden Grenzen von Jazz und zeitgenössischer Musik sind die große Leidenschaft des in Frankfurt geborenen und in Berlin lebenden Künstlers. Seine „enorme Vielseitigkeit“ hat auch die Jury bewogen, ihm in diesem Jahr die Auszeichnung zuzusprechen. „Ob im anspruchsvollen Mainstream, ob im Rockjazz, ob in experimentellen Formen frei improvisierter Musik – Eric Schaefer ist in den verschiedensten Stilrichtungen auf der Höhe der Zeit“, heißt es in der Begründung der Juroren. Schaefer seinerseits dankte dafür, dass „die inhomogene Arbeit der zurückliegenden Jahren honoriert“ wird und verweist darauf, dass es das“einsame Genie nicht gibt und die Menschen, mit denen ich spiele dazu beigetragen haben, dass ich hier stehe“.

In der Tat sind Innovationen auf dem weiten Feld des
zeitgenössischen Jazz vor allem in den Grenzbereichen zu
entdecken. Die Frage, ob „faces – surfaces“, die neunsätzige
Suite für sein Kammermusik-Improvisations-Ensemble „Henosis“
noch dem Jazz oder der E-Avantgarde zuzuordnen , stellt sich
beim Hören nicht mehr. Notierte Passagen und freie
Improvisationen stehen nicht im Gegensatz, sondern verschmelzen
zu einem durch eine innere Logik zusammengehaltenen Kunstwerk,
das durch seine Kontraste in Transparenz und Luftigkeit sowie
Dynamik und Energieausbrüche zu fesseln vermag. So entstehen
minimalistisch wirkende Klangkleinodien, die der Komponist
Schaefer Künstlern widmet, die ihrerseits durch „verdichtete
Intensität des Ausdrucks“ die Kunst der Einschränkung, Klarheit
und Schlichtheit kreativ praktiziert haben: der Maler Paul Klee,
der Lyriker Paul Celan, der Komponist Anton Webern, der
Haiku-Nonkonformist Santoka Taneda oder der
Konzeptkunst-Fotograf Hiroshi Sugimoto.
Margherita Biederbeck und Kathrin Bogensberger weben mit zartem
Strich auf der Violine und dem Violoncello schwebende Klänge,
die von Chris Dahlgren auf dem Kontrabass mit einem Grundton
unterlegt werden, während Michael Thieke diese Soundflächen mit
ostinaten Melodiefragmenten oder flirrenden Läufe auf der
Klarinette aufbricht und Eric Schaefer auf den kleinen Gongs gar
eine melodische Percussionsfigur beisteuert. Solche filigranen
und lyrischen Passagen wechseln sich ab mit treibenden,
percussiven Explosionen zu wild bewegten Crescendi der
Streichinstrumente. Freitonale Cantibiliät driftet ins
Geräuschhafte ab, hart angerissene Saiten beenden polyphone
Klangflächen.
Ebenfalls in den Randbereichen des Jazz wildert das Trio „Johnny
La Marama“, in dem Eric Schaefer mit dem finnischen Gitarristen
Kalle Kalima aud dem amerikanischen Bassisten Chris Dahlgren
Klanganarchie pflegt. Die drei Musiker wirbeln ihre
musikalischen Erfahrungen unbekümmert durcheinander: Rap und
Reggae, Punk und Funk, Noise und Non Noise, Rock und „Urban
Blues“. Als „avant garage jazz“ bezeichnen die Musiker ihre
Kreation. In „bicycle revolution“, dem Titelstück ihrer jüngsten
CD wie in anderen Kompositionen des Konzertes lässt Kalima die
Gitarre in rasenden Glissandoläufen oder mit hellen Schleiftönen
unter dem Magnetabnehmer klangfärbend heulen, während Dahlgren
den Bass knurrend zupft oder schräge Harmonien streicht.
Schaefer treibt den Groove in ein energetisches Drumgewitter bis
die Musik in ein Noise-Crescendo einmündet. Sprache wird durch
ein Megaphon zum Bestandteil der Musik. Zwischendurch relaxt das
Trio in einer liedhaften, folkloristisch gefärbten und
melodischen Komposition, die zeitweilig von überraschenden
Up-Tempo-Breaks aufgebrochen wird und schließlich mit einem
Bogenstrich und Gitarrenakkord verklingt. „Alles was wir spielen
ist Blues“ lautet der Titel einer Komposition, deren freche
Stilmixtur dadaistische Züge annimmt. Humorvoller
Underground-Trash.
Den Übergang von „Henosis“ zu „Johnny La Marama“ erleichtert der
Jazzpreisträger dem faszinierten Publikum in Foyer des Mainzer
SWR-Sendehauses Mainz mit einem rhythmisch vielschichtigen und
drängend intensiven Schlagzeugsolo, in das er die
unterschiedlichsten Percussionsinstrumente von Trommeln über
Gongs und Glöckchen und schließlich eine Melodica einbezieht.