
Virtuosität und traumhaftes Verständnis, Souveränität und reife
Abgeklärtheit zeigt sich in kleinen Höhepunkten. Einen dieser
Momente erlebten die Fans beim Konzert der „German Jazz
Masters“, als der Saxophonist Klaus Doldinger in der
Schoof-Komposition „Like Don“ einen Akkord quasi als Staffelstab
unisono an den Flügelhornisten weiterreichte, und auf dem dieser
dann sein Solo aufbaute.
In der Nachfolge-Formation der „old friends“ ist die deutsche
Jazz-Geschichte pur vereint, auch wenn Bassist Eberhard Weber
durch einen Schlaganfall derzeit zur Unfähigkeit verdammt und
Posaunist Albert Mangelsdorff verstorben ist. So hörten die
Zuhörer auf der ausverkauften Hinterbühne des Rüsselsheimer
Theaters den Kern jener Truppe, die einst im Auftrag des
Goethe-Instituts als „German All Stars“ die Welt bereisten und
sich vor Jahren wieder zusammengefunden hatten.
Groovend und funky, mit treibenden Basslinien und hart
angerissenen Riffs, leitet der Bassist Wolfgang Schmid die
meisten Kompositionen der Bandmitglieder ein. In Doldingers „Yellow
Cab“ setzt er Akzente mit eingestreuten Double-Time-Griffen, mal
spielt er den E-Bass selbst in rasenden Läufen erdig verankert,
dann wiederum in Soli mit sanften Melodielinien. Vor allem aber
verhilft er eher intellektuell wirkenden Kompositionen zu
emotionalem Groove, was ihn von dem stärker dem Ästhetischen
verpflichteten Vorgänger Weber unterscheidet. Schlagzeuger
Meinhard „Obi“ Jenne trommelt in seinen rhythmisch
vielschichtigen Soli überlegt und transparent, immer wieder zu
mitreißenden Duellen mit dem Bassisten bereit.

Natürlich gibt es an diesem Abend ein Wiederhören mit Stücken
der Musiker, die diese solistisch oder in eigenen Formationen
bekannt gemacht haben. Doch selbst Hits wie „Wendekreis des
Steinbocks“ oder „Trans Tanz“ aus Dauners Feder verlieren in der
Wiederholung nicht ihre Reize. Die Faszination der kreisenden
Ostinati und tremolierenden Figuren des Pianisten, seiner kurzen
perlenden Läufen, der Single-Note-Einwürfen oder der wuchtigen
Akkord-Schichtungen kann sich niemand entziehen. Seine Soli mit
den versteckten Romantizismen können in Trance versetzen.
Ökonomisch ist Dauners Begleitung der Bass-Soli Schmids,
scheinbar hingetupft die Untermalung von Doldingers filigranem
Sopransaxophonspiel im „Wendekreis“ oder fast „geschwätzig“ sein
Sololauf in „Like Don“. In Doldingers „Cross Talk“ umranken sich
in einem dem Titel gerechten Call and Respons-Spiel Flügelhorn
und Altsaxophon. Das eine gibt ein sonores Melodiefragment vor,
das andere antwortet mit singenden Linien. Schließlich mündet
das Duett in eine finale Uni-Sono-Passage der Bläser.
Einmal an diesem Abend wagen die Old Friends einen Ausflug in
den Free Jazz, der eigentlichen Domäne des Trompeters Schoof.
Der hat allerdings schon in seinem Quintett vor vierzig Jahren
Brücken zwischen Tradition und freiem Spiel baute. Heute in
Rüsselsheim explodiert nach einer mehrstimmigen Intro die Band
im Crescendo im rhythmischen Pulse. Schoof steigt hier wie auch
in anderen Stücken auf der Trompete mit gleißenden Stakkati in
die High-Notes, verliert bei seinem energetischen Solo sogar
unbemerkt einen Krümmer des Instruments, den Doldinger von
Bühnenboden klaubt und ihm nach dem Solo lächelnd überreicht.
Dauner hämmert seine rasenden Akkordfolgen in die Tasten und
Doldinger attackiert mit scharfen, aber selten überblasenen
Läufen. Schließlich endet das Stück in einem zerfaserten freien
Tutti. Den Abend jedoch beschließen die Jazz-Masters mit einem
leichten und ins Ohr gehenden „Lucky Looser“. Lucky waren auch
die mehrere hundert Besucher, die den Meistern der deutschen
Jazz-Nachkriegsgeschichte frenetisch Beifall spendeten.