Gernot Blume und Julie Spencer mit ihrem Projekt
„Jazz meets India“
in Bingen, 10. Dezember 2011
Indische Musik kann sehr hermetisch sein, denn sie gehorcht ganz
anderen Gesetzen, als die abendländische. Da helfen selbst
Kenntnisse über Kontrapunkt und Harmonielehre wenig. „Geben Sie
sich ganz dem Sound hin und hören Sie die Musik um ihrer selbst
willen“, fordert deshalb der Multiinstrumentalist Gernot Blume
beim Konzert mit Julie Spencer in der Binger Bühne seine Zuhörer
auf. „Finden Sie den imaginären Punkt zwischen Ost und West“,
fügt er hinzu, denn Blume und Spencer wollen beim zweiteiligen
Konzert Jazz meets India“ den Bogen von der klassischen
nordindischen Musik zum modernen Jazz spannen.
Mit Sitar und Tabla entführen die beiden Künstler im „Raga Yaman“
die Besucher zunächst in die fast mystische Klangwelt Indiens
mit ihren festen Strukturen sowie modalen Skalen, die „nicht aus
Akkorden, sondern Tonleitern“ mit Mikrointervallen aufgebaut
sind. Blume zupft auf der Sitar erläuternd den Grundton sowie
die Haupttöne „“Vadi“ und „Samvadi“. Im Raga entwickelt der
Spieler einen musikalischen Gedanken, schmückt ihn
improvisatorisch aus, führt den Dialog mit der zweiteiligen
Tabla. Der Raga wird in der „Alap“ genannten Einführung
entfaltet und im Hauptteil „Gat“ mit Phrasen sowie wichtigen und
typischen Bending-Schleiftönen angereichert. All dies entwickelt
Gernot Blume für die offenen Ohren der Zuhörer im Gewölbekeller
der Binger Bühne nachvollziehbar auf dem Klangteppich des
elektronisch eingespielten Bordun-Grundtones. Während der
metrumfreie „Pulse“ zunächst meditative Stimmung erzeugt, lässt
der rhythmisierte Dialog mit Julie Spencer und ihrem
Tabla-Pärchen die Fußspitzen wippen. Der Raga strebt mit Tempo-
und Intensitätssteigerung einem Höhepunkt zu, verharrt in einer
Ruhepause und eilt anschließend mit Schlägen und Wirbeln auf den
Tablas dem Finale des „Raga Yaman“ entgegen, der an diesem Abend
zugleich zu einem Lehrstück indischer Musik geriet.
Einen völlig anderen Sound kreiert Gernot Blume mit seiner „Ragitarre“,
einer elektrischen Gitarre, die auf indische Klangfarben
gestimmt ist, nicht aber den schnarrenden Ton einer „Electric
Sitar“, sondern eher den Sound des Blues pflegt. Die
begleitenden vielschichtigen Rhythmen auf Becken, Trommel und
Congas laufen oftmals eigenständig parallel zur Gitarre, passen
dennoch unterstützend. Spncer trommelt polyrhythmisch, streicht
mit dem Bogen die Becken, lässt die mit Sand gefüllten
Rahmentrommeln kreisen
Improvisationen über verschiedene Raga-Themen füllen den zweiten
Set dieses ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Konzertes.
Weckte der näselnde Sound der Nagaswaram Oboe noch Assoziationen
an fernöstliche Klangwelten, pendelt Blume am Piano zwischen
Keith Jarretts Romantizismen und Abdullah Ibrahims hymnischen
Beschwörungsformeln, schichtet Spencer Blockakkorde in sperrigen
Klavier-Läufen oder fügt ostinate Single-Note-Figuren in
perlende Linien. Blume und Spencer nehmen die Zuhörer auf einem
Parforce-Ritt durch die Welt des zeitgenössischen Jazz mit,
beziehen die Geige, eine bolivianische Flöte, Harfe und das
vielfältige Percussionsinstrumentarium in diese Auffächerung mit
ein. Raga-Themen sind dann kaum noch zu erkennen, auch wenn der
Grundton ständig mitäuft.
Gernot Blume belohnt die begeisterten Besucher abschließend mit
einem vertraut klingenden cantablen Harfensolo von schlichter
Schönheit.


Text und Photographie von Klaus Mümpfer
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