
Fotos und Text: Klaus Mümpfer
Peter Brötzmanns Chicago Tentet ist großartig, unberechenbar,
wild, orgastisch und kraftvoll. In dem von Powerplay geprägten
Konzert der Rüsselsheimer Jazzfabrik gibt es aber auch Passagen,
bei der die Musiker mit ihrem Atem die Luftsäulen in den
Instrumenten zum Klingen bringen. Eingebettet in das
hochenergetische, pulsierende Spiel sind getragene, fast
melodische Bläser-Sätze mit hymnischen und sakralen Klangfarben,
die Joe McPhee mit ekstatischen Schreien kurzzeitig unterbricht,
warme Duos von Tuba und Altsaxophon, von Posaune und Cello sowie
wiederholt Unisono-Duette von Joe McPhee und Peter Brötzmann.
Doch dann steigert die Band Intensität und Dynamik. Sie legt an
Spannung und Kraft zu, mündet in Crescendi, die Brötzmann zum
Konzertschluss mit einem Luftsprung beendet. Inmitten schierer
Kraft und Chaos lassen Johannes Bauer, Jeb Bishop, Mats
Gustafsson, Ken Vandermark und Joe McPhee Trompete, Saxophone
und Posaunen schnattern, während Per-Ake Holmlander die Tuba in
Stakkati vorantreibt, das Cello Fred Lonberg-Holm von kreischt
und krächzt, als er mit dem Bogen den Dorn des Instrumentes
streicht, während Brötzmann mit Vandermark in ein expressives
Ruf-Antwort-Spiel einsteigt. Aber die Musiker sind klug genug,
um mit langsamen und sensiblen Momenten den Zuhörern eine Pause
zu gönnen, bevor die Hölle wieder losbricht.
Einmal erhält Bassist Kent Kessler die Chance, auf dem
Kontrabass eine melodische Linie zu zupfen. Sie wird von den
beiden Schlagzeugern Paal Nilssen-Love und Michael Zerang mit
den Besen begleitet, die ihrerseits die Soli von Bauer und
Brötzmann unterlegen. Für ein paar Takte bläst Joe McPhee sogar
seine Pocket-Trompete wie einst Miles Davis cool und verhangen.
Doch neben Brötzmann und seinen Bläserkollegen ist es immer
wieder Nilssen-Love, der mit ungewöhnlich hartem Schlagzeug die
Band in explodierende Tutti treibt, während Zerang eher
vielschichtig flexibel pulsiert. Lonberg-Holm zupft und streicht
sein Cello mit extremen harmonischen Verfremdungen, sorgt immer
wieder mit raffinierten elektronischen Loops und Samples für
Sounds, die die Full-Band-Improvisationen anreichern, aufbrechen
oder abrunden. Es gibt keine notierten Vorgaben. „Ich schreibe
keine Noten und lese keine Noten“, hat Peter Brötzmann einmal
schroff erklärt. In diesem Konzert auf der Hinterbühne des
Theaters war es allein Vandermark, der in seiner „Komposition“
mit sparsamen Handbewegungen das kollektive Chaos dirigiert.
Es war das Free Jazz Meeting von Joachim-Ernst Berendt 1970 in
Baden-Baden, als der legendäre Don Cherry den Saxophonisten
Brötzmann anerkennend als „machine gun“ bezeichnete, weil er
schneller und attackierender als ein Maschinengewehr blies. In
diesem März feierte Peter Brötzmann seinen 70. Geburtstag. Er
ist reifer geworden und sagt, dass man Free nur als die
Möglichkeit verstehen kann, alle Materialien zu verwenden.
Ungeachtet dessen hat er die Expressivität seines Spiel bewahrt
– ebenso wie seine Liebe zu größeren Formationen. 1997 wurde das
Chicago-Tentet zunächst als offene Formation geplant, immer
jedoch als ein ausschließlich der freien Improvisation
verpflichtetes Ensemble. In den Musikern des heutigen
Chicago-Tentets findet der „Berserker“ Brötzmann gleichgesinnte
und adäquate Partner, die sein musikalisches Konzept
respektieren und mit eigenen Ideen erweitern.