
Text & Fotografien: Klaus Mümpfer

Kontrastreich explodiert das Quartett in den genannten freien
Stücken sowie in „Another Angel Goes Home“ mit harten und
polyrhythmischem Spiel Drakes auf den Trommeln und Becken sowie
vor allem mit rasenden Single-Note-Reihen, wuchtigen
Akkordschichtungen und Unterarm- oder Handballen-Clustern auf
den Tasten. Rob Brown verharrte im ersten Set vielmals in
Post-Bop-Phrasierungen, während er in der „Angel“-Komposition
nervöse und eruptive, freie Stakkati bläst. Die Zugabe lässt er
mit einem relaxten, sonoren, anhaltenden Sound in Zirkularatmung
ausklingen. Ein stets stützendes Rückrat des zwischen Free und
Folk pendelnden Spiels ist Bandleader William Parker, der seinen
Kontrabass überwiegend stramm und straight marschieren lässt,
dabei aber mit retardierenden Momenten und zahlreichen
reizvollen harmonischen Wendungen beweist, wie man meisterlich
das Bass-Spiel in die Jazz-Avantgarde integriert. Er zupft Höhen
unter dem Steg und streicht grundierende Tiefen mit dem Bogen.
Dabei wandelt Parker Tonhöhen, indem er mit der Handkante die
Saiten teilt. Spannung ziehen die Stücke aus Tempo- und
Intensitätssteigerungen, aus Dynamiksprüngen sowie ostinaten
Rhythmus- und Melodiefiguren.
Dass bei all dieser Kraft und Kreativität der Humor nicht zu
kurz kommt, belegt Parker mit der in Ansätzen gesungenen Zugabe
„The Creeper“ sowie seiner launigen Moderation. Bescheiden
erzählt der Bassist, dass er zwar Leader und Komponist sei, dass
das musikalische Ergebnis aber dem Kollektiv zu verdanken ist.
Mit dem Schlagzeuger Hamid Drake verbindet ihn eine tiefe
Freundschaft, die sich in legendären Duos manifestiert. Solche
spannenden Ruf-Antwort-Spiele mit Parker, aber auch mit Brown
und Moore können die Zuhörer auch an diesem Abend erleben. Rob
Brown ist für Parker „der Poet auf dem Altsaxofon“ und den
Pianisten lobt er als den zentralen Musiker des freien
Jazzpianos. Unterhaltsam erzählt er von dem langen Flug von New
York nach Rüsselsheim und vergisst nicht, gut gelaunt das
aufgeschlossene Publikum zu loben.
Dieses wiederum feiert Parker und seine Mitmusiker mit
anhaltendem Applaus, was den künstlerischen Leiter der
Jazzfabrik, Stephan Dudek entzückt. Er war an diesem Abend
glücklich, dass so zahlreiche Jazzfreunde zu dem selten in
Deutschland zu hörenden Free-Jazz-Bassisten gekommen sind. Ihre
Begeisterung reißt die Musiker mit, die sich mit sichtlicher
Spielfreude länger als zwei Stunden auf der Backstage-Bühne des
Rüsselsheimer Theaters verausgaben.