Zwei
Seelen wohnen in seiner Brust. Die eine schwelgt in lyrischen,
impressionistischen Klangfarben, kommt auf sanften Pfoten,
schmeichelt dem Ohr, so dass es fast die Verfremdungen und
verschliffenen Tontrauben unter dem Wohlklang überhört. Die
andere treibt hart rockend im Wahnsinnstempo mit klirrenden
Glissandi die Band vor sich her. Mike Stern ist einer der
universalen Gitarristen, von Pat Metheney und Jimmy Hendrix
gleichermaßen geprägt, von Miles Davis, in dessen Band Stern
einige Jahre spielte, zum rockenden und expressiven Experiment
gedrängt, er der doch eigentlich im tiefsten Innern wohl eher
ein Romantiker ist. Dennoch: Für seine Verbindung aus Bebop und
Rock wurde eigens der Begriff „Bop´n´ Roll“ geschaffen.
Mike Stern verhehlt seine Liebe zu den Bebop-Saxophonisten John Coltrane und Sonny Rollins nicht, transkribiert deren Saxophon-Läufe für seine Gitarre. Kein Wunder, dass im Unisono-Passagen mit dem Saxophonisten Bob Franceschini wie in dem transparenten „Still There“ so leicht fallen. Die nahezu schwebenden Klänge auf der Gitarre werden von einem soulgetränkten und in den Höhen leicht überblasenen Saxophon Antwort. Auf der anderen Seite „Chatter“, ein hochenergetisches Stück mit einem knochentrockenen, gitarrenschnellen melodischen Lauf auf Alain Carons sechssaitigem E-Bass, der von ostinaten Akkordfiguren des Gitarristen konterkariert wird. Schließlich gibt Schlagzeuger Lionel Corden den Anstoß für ein ekstatisches Soundgewitter mit verzerrten Gitarren-Glissandi und polyrhythmischem Trommel-Feuer. Mit Hochgeschwindigkeit mündet auch „Avenue B.“ ins Finale, ein Stück, das Spannung vor allem aus Ostinati zieht.
Am Anfang stand eine neue Komposition – noch ohne Titel, aber typisch Stern. Perlendes Gitarrenspiel führt zu einem klirrenden Geschwindigkeitslauf, eine durchlaufende Bass-Linie entwickelt melodische Qualitäten, das Tenorsaxophon tönt ekstatisch und das Schlagzeug grooved. Jedes der vier Bandmitglieder kann sich solistisch vorstellen.
Fasziniert
verfolgen die Zuschauer der Rüsselsheimer Jazz-Fabrik, wie sich
der jungenhaft wirkende 50-jährige Stern in Rage spielt. Aus
langen lyrisch verspielten Solo-Einleitungen wie in „Wishing
Well“ mit einem anschließend singenden Tenorsaxophon und
zarter Besenarbeit auf dem Snares steigert sich die
Intensität, verdichtet sich die musikalische Aussage, setzt die
Elektronik mit Hall und Schleifen Akzente.
Kritiker loben die Logik in den fließenden Linien des Gitarristen, die Kraft seiner rockenden, verzerrten Läufe, die Kontraste aus den Klangfarben seines Instruments und der Dynamik seiner Kompositionen.
Nur acht Stücke und eine Zugabe standen auf dem Programm des Abends. Doch das Konzert dauerte fast drei Stunden, so sehr kosten Mike Stern und seine Kollegen die Klangfarben und Rhythmus-Variationen aus, die die Kompositionen bieten. Das Publikum hätte gerne noch mehr gehört.