
Im
Scheinwerferlicht steht der Posaunist mit geschlossenen Augen.
Ganz Hingabe an die Musik, die er dem Instrument entlockt:
Mehrstimmig mit Kontraste bildenden Dynamiksprüngen. Regelmäßige
Atemgeräusche machen auf die perfekte Zirkulartechnik
aufmerksam, mit der der Künstler endlose Improvisationslinien
mit ostinaten Figuren, kreisenden Akkordreihen, blueshaltige
Schleiftöne in der Soloimprovisation zusammenfügt. Konrad
Bauer, Träger des diesjährigen SWR-Jazzpreises, beweist im
unbegleiteten Spiel auf der Posaune ein präzises Timing und
eine schier unerschöpfliche Kreativität in harmonischen wie
melodischen Variationen.
Assoziationsreich sind seine Klangfarbenspiele in „Hummelsummen“, einer Komposition seiner jüngsten Solo-CD, die wesentlich zur Nominierung für den Jazzpreis beigetragen hat, den das Land Rheinland-Pfalz und der Südwestrundfunk gemeinsam vergeben und der mit 10 000 Euro dotiert ist. Singende, obertonreiche Sounds klingen fast bösartiger als das natürliche Summen von Hummeln. Improvisation ist für „Conny“ spontanes Komponieren während des Spiels, das er in seinem dritten Stück an diesem Abend in Mainzer SWR-Foyer mit eingeworfenen Stöhn-Lauten, Fingerschnalzern und Fuß-Steps unterlegt.
Er habe die Juroren „durch verblüffende Blastechniken, wie mehrstimmige Multiphonics, überzeugt, die Bauer für seine Klangexperimente nutzt, ohne auf narrative Linien zu verzichten“, zitierte der rheinland-pfälzische Kulturminister Jürgen Zöllner bei der Preisübergabe die Begründung der Jury. Solche Suche nach neuen Klängen verraten vor allem zwei Solo-Aufnahmen im Leipziger Völkerschlachtdenkmal und in einem geleerten Trinkwasserspeicher des Wasserwerkes Köln, bei denen der Raumklang und Tonbildung auf der Posaune verschmelzen lässt.
Der 1943
geborene Konrad „Conny“ Bauer zählte schon vor der
Wende in der damaligen DDR zu den bedeutendsten Protagonisten
der Free-Jazz-Szene. Eine der Begleiter aus diesen Zeiten hatte
Bauer auch beim Mainzer Konzert dabei: den Schlagzeuger und
Percussionisten Günter „Baby“ Sommer. Barre Philips, der
1968 unter dem Titel „Unaccompanied Barre“ die erste Platte
mit Soloimprovisationen auf dem Bass vorgelegt hatte, vervollständigt
das Trio, das dank traumhaft sensibler Interaktionen erst die
frei improvisierten Kollektive ermöglicht. Bauer bläst
erdig-trocken wirkende Läufe auf der Posaune unter einem
mehrstimmigen und wogenden Soundteppich der gestimmten Trommeln
und des gestrichenen Kontrabasses oder getragene, hymnische
Linien zu den rhythmischen Ostinati auf der Maultrommel und den
verzierenden Harmonien auf dem Bass. Ein Posaunensolo wird
unterlegt durch percussive Floskeln von Barre Philips, während
Sommer die Felle mit dem Handtuch traktiert, zu Strohbesen
greift, mit der Mundharmonika eine Volkslied-Melodei einfügt.
„Baby“
Sommer erhält Gelegenheit zu einem Solostück auf dem
Marimbaphon, Barre Philips nimmt in seinem Solo-Stück
Anleihen an der kammermusikalischen E-Avantgarde, klopft
percussiv mit dem Griff des Bogens auf den Saiten, greift
Flageoletts mit pfeifenden Obertönen, zupft Pizzikati, verharrt
mit tiefem Ton in der Mehrstimmigkeit, streicht mit dem Bogen
mal wuchtig, mal zart.
Das Publikum im überfüllten SWR-Foyer lauscht konzentriert und fasziniert, diesem Konzert, in dem sich vertraute Tradition mit überraschenden Klangvisionen paart.