Eine seiner Kompositionen nennt er beziehungsreich
und doppeldeutig „La Mémoire du Silence“. Kühle Ruhe ist der
Ausgangspunkt, die freie, elektronische Explosion, in die das coole
Spiel einmündet, lässt nur noch die Erinnerung an den Ursprung zu.
Diese kreative Überwindung innerer Zerrissenheit ist es, was die
Seelenverwandtschaft zwischen dem jungen französischen Trompeter Erik
Truffaz und Miles Davis, dem verstorbenen Innovator des amerikanischen
Jazz, offenbart. Bei seinem Konzert in der Rüsselsheimer
„Jazz-Fabrik“ belegte Truffaz gemeinsam mit dem Gitarristen Manu
Codjia, dem Bassisten Michel Benita und dem Schlagzeuger Philipe Garcia
wie souverän Tradition und Avantgarde bruchlos zusammengefügt werden können.
Dieses musikalische Konzept findet sich auch im stilüberschreitenden
Spiel der Solisten wieder. Gitarrist Codjia zupft fingerfertig melodiöse
Läufe ebenso wie kreischende Glissandi, Bassist Benita zaubert aus
vielschichtig sich überlagernden Linien simple Motivfiguren,
Schlagzeuger Garcia trommelt in festen Metren ebenso wie im freien Pulse
und Truffaz selbst pendelt zwischen coolen, schwebenden Melodiebögen
und elektronisch verfremdeten, flatternden Stakkati.
So steht der Trompeter auf er Bühne, den Rücken zum Publikum in konzentriertem Duo-Spiel mit dem Drummer. Der brüchige, vibratolose und schwebende Ton der Trompete erhält Antwort in einer in einer frei pulsierenden Percussionsfigur. Der Hall bewegt sich noch im Raum der betonarmierten ehemaligen Opel-Fabrikhalle, da setzt Benita mit einer Walking-Bass-Linie ein. Schlagzeug und Kontrabass wechseln mit elektronischer Hilfe in eine ostinate Bass & Drum-Figur, die Trompete steigt hinauf zu expressiven, überblasenen High-Note-Floskeln. Der Stakkato-Linie von Truffaz folgt Garcia mit einem auf Fellen und Trommelrändern geklopften Solo, das von einem immanenten „Pulse“ bestimmt wird. Dann explodiert das inzwischen verfremdete Thema in einem schreienden Crescento, um sofort wieder zu einer ruhigen Wellebewegung zurückzukehren. Im Grundsatz ähneln sich die Kompositionen des französischen Komponisten im Aufbau und präsentieren doch immer wieder Überraschungen.
„Parlophon“ nennt Truffaz eine andere seiner
typischen Kompositionen, die für die Verbindung von Akustik und
Elektronik steht. Vokalisen mischen sich in einer balladesken
Intro unter die vibratoreichen, melodischen Läufe der Gitarre von
Codija und den gestrichenen Bass sowie die schwebenden Trompeten-Linien
zu einer aufregend kontrastreichen Sound-Collagen. Bassist Benita spielt
über elektronische Schleifen und Hall mit sich selbst im Duo, bevor die
vier Instrumente in einem vielstimmigen und polyrhythmischen Kollektiv
zusammenkommen, das schließlich in einen einzigen finalen Akkord
der Gitarre einmündet.
Truffaz Projekt „Ladyland“ weckt Assoziationen an Jimi Hendrix´ „Electric Ladyland“, geht aber darüber hinaus. Drum&Bass verbindet sich mit dem urban-nervösen freien Jazz aus den New Yorker Lofts. Der Cool-Jazz mit französischer Folklore imaginaire. Nordafrikanische Gesänge steuert mit hymnischer Intensität a capella und in „Magrouni“ Mounir Troudi bei, während die vier Musiker den Soundteppich auslegen.