Die
Rüsselsheimer Jazzfabrik hat in diesem Sommer ein Sound-Biotop
angelegt, in dem sich drei Wiener Künstler mit Solo-Konzerten entfalten
konnten. Der 38-jährige Kontrabassist Werner Dafeldecker entwickelt
Klangströme, in denen der natürliche Klang des Kontrabasses und
elektronische Klangerzeugung zusammenfließen. Der 39 Jahre alte
Christof Kurzmann spielt Laptop, nutzt die Bits und Bytes zur
Klangerzeugung und Erweiterung der Ausdrucksformen des Jazz. Und schließlich
der Gitarrist Burkhard Stangl, 42 Jahre alt, Minimalist unter den drei
Elektronikern, der mit den vielfältigsten elektronischen Experimenten
Klangspurensuche auf der E-Gitarre betreibt und die Ergebnisse in
Kontrast zum zarten Naturklang der Konzertgitarre setzt.
Mitten im Verlauf des Konzertes fügt sich das
sirrende Geräusch eines abfahrenden Triebwagens vom nahe gelegenen
Bahnhof fast unisono in die Klangcollage des Wiener Bassisten Werner
Dafeldecker ein. Den Soundforscher auf der kleinen Bühne in der
Opel-Werkshalle scheint dies zu inspirieren, denn er nimmt den Klang auf
und führt ihn mit leichtem Bogenstrich auf seinen Kontrabass fort. Das
Zusammenführen von
Naturtönen
auf dem Instrument und elektronischen Verfremdungen eben dieser Naturtöne
steht im Zentrum der in Kompositionsstrukturen eingelagerten freien
Improvisationen. Minimalistischen Figuren schweben rhythmisch ungebunden
im Raum, strömen förmlich fühlbar ins aufmerksam und konzentriert
lauschende Publikum.
In der Intro des 50-minütigen Solokonzertes verwebt Dafeldecker kurze, percussiv geklopfte Tonfolgen mit sakralen Klängen vom Laptop - die wiederum mit elektronischen Filtern und Computerbearbeitung aus gestrichenen Basslinien entstanden sind. Elektronik und Natur formen einen harmonischen Klangraum, während im weiteren Verlauf des Konzertes motorische Rhythmus-Ostinati kontrastreich gegen die gezupften und Con-Arco-Linien auf dem Kontrabass stehen. Schließlich scheinen Gläser zu flirren, Metall zu klirren und Kugeln wie Tropfen zu fallen, während auf dem Kontrabass kurz angeschlagene Melodiefiguren ausklingen, um der Elektronik das Feld zu überlassen.
Ebenfalls in der Jazzfabrik forscht der Saxophonist und Klarinettist Christof Kurzmann ohne akustische Instrumente am Rand der Klangphänomene, sucht nach bislang ungehörten Sounds sowie unterschwelligem „Pulse“ und verbindet sie zu assoziativen Collagen. Elektronisches Patchwork. Klangrecherchen eröffnen ihm ein weites Repertoire von Möglichkeiten der Tonfindung und Klangbildung. Gemeinsam ist dabei den so genannten „Elektronikern“ der Wiener Schule, dass ihre Musik gleichzeitig intellektuell und emotional wirkt. Auffallend ist auch, wie selbstverständlich sich Geräusche des Umfeldes in die Musik einbetten – seien es nun ein vorbeifahrende Zug oder die verwischten Sprachfragmente von Menschen, die vor den Fenstern der Opel-Werkshalle vorbeigehen.
Mit eigens geschriebenen Programmen auf dem Computer, mit Samples, Delays und Verzerrungen emanzipiert Kurzmann Klangmanifestationen, in denen technischer Sound mit scheinbar natürlichen Klängen verschmilzt.
Insgesamt wirken die Improvisationen sowie die Bearbeitungen der sechs „Bilder“ des Komponisten Bernhard Lang aber eher meditativ und ästhetisch. Und so kommt es, dass die Musik des Wiener Elektronikers trotz ihres Ausnahmecharakters im kreativen Schöpfungsprozess aus Sinustönen, Frequenzen, Amplituden und Phasenschwingungen eher unspektakulär wirkt.
Die
E-Gitarre liegt auf den Tisch. Zubereitet für das musikalische Menu.
Das Besteck: Ein Geigenbogen, zwei Elektromagnete, allerlei Kleingerät
sowie ein Tonabnehmer, den der Wiener Künstler im späteren Verlauf des
Solokonzertes in der Rüsselsheimer Jazz-Fabrik auch mit Atemgeräuschen
und Schnaufern vor den Mund nimmt. Der 42-jährige Burkhard Stangl ist
auf klanglicher Spurensuche. Die Akustik verbindet sich mit der
Elektronik, stellt sich ihr reizvoll kontrastierend in den Weg, behält
am Ende der einstündigen Songcollage „Unwritten Loveletter“ gar die
Oberhand. „Bricolage“ nennt der Wiener Ethnologe und Musiker in
Anlehnung an Claude Levi-Strauss seine Improvisationskunst.
„Bastelei“ ist also ein Prozess, der ohne Vorplanung im Moment des
Musizierens entsteht, der sich in nicht festgelegten Abfolgen
entwickelt, indem er ständig abfragt und antwortet.
Ohne Vorwarnung explodiert ein elektronischer Knall in diesem Paradies der Stille. Das Crescendo des Maschinengeknatters leitet in ein bedrohlich wirkendes Donnern über. Nur scheinbar natürlich sind die Wind- und Wellengeräusche, die die Technik produziert. Der Bogen kratzt wieder über die Saiten, im Hintergrund klingt ein Glocke. Stangl drückt und presst die Saiten mit Fingern und Bottleneck auf die Stege, reibt sie. Unterdrückte Töne schreien nach Erlösung, bleiben aber gefangen in der eingeschränkten Freiheit der Schwingungen. Ein paar dumpfe Kreischgeräusche. Und dann wieder die andere Seite der Klangmalerei. Stangl singt andächtig zu den Folk-Pop-Jazz-Harmonien des Titel-Themas, lehnt sich entspannt zurück, den wohlverdienten Applaus entgegen nehmend.