
Stephanie Wagner studierte klassische und Jazz-Querflöte an der
Musikhochschule in Mainz. Ein Stipendium führte sie zum Studium ans Berklee
College of Music in Boston (USA). Eine CD hat sie mit ihrem Quintett „Stephanie
Wagners Quinsch“ eingespielt, die 2008 bei „Jazzhausmusik“ erschien. Ein
weiteres Projekt ist das Duo „jazzgems“ mit der Sängerin und Pianistin Karmen
Mikovic (CD erscheint im Mai bei "Mons Records"). Ihre Debüt-CD mit dem Trio „Jeeep“
ist jetzt bei „Rodenstein Record“ aufgelegt worden. Dem Trio gehören neben
Stephanie Wagner (Querflöte und Altflöte), Thomas Langer (akustische und
E-Gitarre) sowie Ralf Cetto (Kontrabass) an. Das Jazzpodium sprach mit der
Musikerin anlässlich einer Probe des Trios in der Mainzer Universität.
Frage: Wie bist Du zum Jazz gekommen? Spät und auf Umwegen, wie auch die Flöte,
die lange brauchte, bis sie im Jazz als Soloinstrument Beachtung fand?
Wagner: Ich habe zuerst die Flöte für mich entdeckt als ein Instrument, das mir
vom Klang unheimlich gut gefallen hat. Mit der Flöte geht es in der Regel mit
klassischer Musik los. Also habe ich Klassik studiert. Den Jazz habe ich erst
später entdeckt und so kommt es, dass ich Jazz auf der Flöte spiele.
Frage: Gab es einen Auslöser für den Umstieg?
Wagner: Man könnte fast von einem Klischee reden. Ein Onkel, der in Amerika
lebt, hat unserer Familie eine Jazz-Compilation geschickt. Fünf Platten, also
zehn Seiten. Eigentlich war sie für meinen Vater bestimmt. Doch nicht er,
sondern mein Bruder und ich haben bestimmte Songs immer wieder gehört. So die
Seiten 6 und 7 mit Ella Fitzgerald, Sonny Rollins und anderen. Das hat mir
unheimlich gut gefallen. Gleichzeitig habe ich entdeckt, dass Jazzmusiker auch
in Mainz in Konzerten und Sessions spielten wo ich hörte, wie sie
improvisierten.
Frage: Damals hattest Du in einer Session sogar Ralf Cetto erlebt?
Wagner: Ja, ich habe ihn spielen hören (Stephanie lacht). Ich habe kapiert, dass
da improvisiert wird und dass eine Interaktion zwischen den Musikern entsteht.
Das hat mich fasziniert, weil sich Stücke dadurch immer wieder veränderten, dass
sie nie gleich blieben, sondern immer wieder anders klangen, und dass man einen
Song in verschiedenen Besetzungen spielen kann.
Frage: Die gilt für den Jazz allgemein wie auch für die Interpretationen auf
eurer Debüt-CD und diejenigen in den Konzerten. Die Stücke verändern und
entwickeln sich.
Wagner: Wir arbeiten ständig an den Songs, weil man eventuell einfach auf eine
bessere Idee kommt, oder weil man ein anderes Tempo ausprobieren möchte. Das
macht den Reiz aus, dass nichts festgelegt ist. Manchmal verändert sich eben der
Geschmack oder man hat neue Ideen.
Frage: Wie hat sich die Musik von „Jeeep“ seit dem Konzert von 2007, das ich
noch in Erinnerung habe, bis zur Aufnahme der CD vom vergangenen Jahr
entwickelt?
Wagner: Ich würde sagen, auf jeden Fall ist das Zusammenspiel besser geworden,
weil wir uns jetzt besser kennengelernt und öfter zusammen gespielt haben. Das
Spiel des Trios ist jetzt stärker verzahnt und es sind mehr eigene Stücke
eingeflossen. Früher hatten wir mehr Cover-Versionen gespielt.
Frage: Auf der CD stammen lediglich drei Kompositionen von Grossi, Hernandez und
Bernstein. Alle anderen Songs haben die Mitglieder des Trios geschrieben. Das
bedeutet natürlich, dass man wissen muss, was man von den Mitmusikern erwarten
darf.
Wagner: Das ist richtig. Bei „Cycle“ beispielsweise, hatte ich den Ralf
sozusagen mit einem bestimmten Bass-Lauf im Ohr. Das Stück ist mir für dieses
Trio eingefallen, weil ich wusste, man kann es hier gut umsetzen. Es klingt
alles sehr filigran, und im Trio kann man die einzelnen Instrumente gut zur
Geltung bringen, da es sehr transparent klingt. Oder Ralf hat „Hurtig“ in eine
Probe mitgebracht. Darin wechseln wir auch in den Grooves beim Solieren. Das ist
sehr interessant. Weil kein Schlagzeug dabei ist, kann man aus der Time
rausgehen und verschiedene Grooves spielen und zwar ganz spontan auf Zuruf, also
per Ohr.
Frage: Wie kam es zur Gründung von „Jeeep“?
Wagner: Ich hatte während meines Studiums am Berklee College of Music in Boston
ein schlagzeugloses Trio mit Bass und Gitarre, das mir sehr zusagte, weil man
zum Beispiel vom Sound her viele Möglichkeiten ausloten kann. Als ich nach
Deutschland zurückkam, habe ich nach Musikern gesucht, mit denen ich diese
Arbeit fortsetzen konnte. Thomas kannte ich schon vorher aus einer anderen
Formation. Er hat mit gut gefallen, weil er auch ein wenig sperrig spielt. Nicht
nur standardmäßig jazzig, sondern auch andere Elemente einbringt aus Blues und
Rock. Thomas hat dann Ralf vorgeschlagen, weil er gerne mit ihm spielen wollte
und ihn kannte. Ralf ist eben der supersolide Bassist, der ein unheimliches
Timing hat und sehr gut ins Trio passt. Und er improvisiert sehr schön
melodisch.
Frage: Wie kam es zu dem Namen „Jeeep“?
Wagner: Er geht zurück auf eine Komposition von John Scofield, die wir eine Zeit
lang im Programm hatten "Jeep on 35". Jeeep schrieben wir dann mit drei „e“,
weil wir zu dritt sind.
Frage: Die Stücke sind weitgehend durchkomponiert. Improvisiert wird in den
Solos. Bei „Mr. Chick“ fielen mir Intros für die Solos auf.
Wagner: Das ist nur bei diesem Stück so. Oft gibt es nur ein Head-Thema und dann
wechseln die Soli ab. Frage: Damit werden das gegenseitige Verständnis und
sichere Interaktionen zur Grundlage für die Musik.
Frage: Das Trio ist, um darauf zurückzukommen, eine intime Formation, in der die
Stimmen passen müssen und jedes Missverständnis unbarmherzig aufgedeckt wird.
Was würdest Du sagen, wo die Besonderheit dieses Trios liegt?
Wagner: Ich glaube, es funktioniert so unwahrscheinlich gut, weil wir Drei
völlig verschiedene Musik hören. Wir spielen nicht nur Jazz oder gar reinen
Swing. Ralf und Thomas spielen daneben in ganz anderen Formationen wie ich auch.
Jeder profitiert also zusätzlich aus anderen Stilen und Richtungen.
Frage: Ihr habt in früheren Programmen sogar Pop-Songs - etwa von den Beatles -
bearbeitet.
Wagner: Ja, da haben wir z.B. aus einem Vierer einen Dreier gemacht. Das ist
eben der Reiz dieses Trios, dass jeder offen ist für andere Musikrichtungen und
diese auch spielt.
Frage: Hat sich das Trio in der Zeit seines Bestehens stilistisch entwickelt?
Wagner: Ich finde, unser Repertoire ist mittlerweile sehr gut gemischt. Es ist
in seinem Spektrum abwechslungsreich. Man findet viele Elemente und Ideen aus
verschiedenen Stilistiken wieder und manchmal wissen wir gar nicht mehr, wie wir
darauf gekommen sind. Man streut aus dem Unterbewusstsein etwas ein. Da ist ein
reicher Topf an Ideen, aus dem jeder schöpft. Ich würde nie so etwas schreiben
wie Ralf und Thomas nicht so wie ich. Es ist sehr befruchtend, wenn jeder von
uns etwas an Farbe in ein Stück einbringt. Und gerade das bereitet großen Spaß.
Frage: Dennoch die Frage, warum die Beschränkung auf ein Trio?
Wagner: Das Trio deckt eigentlich alles ab. Es ist alles da: Melodie, Harmonie
und Rhythmus. Nur dass bei uns jedes Arrangement reduziert ist. Im Gegensatz
etwa zu einer Bigband, wo jedes Stück aufgebläht und ausarrangiert wird - was
natürlich auch toll ist - wird bei uns die Reduktion auf das Wesentliche
interessant. So treten beim Trio andere Aspekte in den Vordergrund wie Sound
oder Dynamik, Plastizität. Diese Form von Unplugged-Sound mag ich sehr, wo man
auch mal die Seite der Gitarre oder vom Kontrabass schnarren hört oder die
Anblasgeräusche von der Flöte.
Cetto: Was in jeder Gruppe funktionieren muss, ist ein Groove, in dem wir uns
bewegen und in dem man die Drums nicht vermisst.
Langer: In einem Trio ohne Schlagzeuger spielt man mit mehr Verantwortung, misst
Time mehr Bedeutung zu. Ein gutes Beispiel ist zum Beispiel. das Duo von Joe
Pass und Ella Fitzgerald.
Frage: Alle Bandmitglieder steuern Kompositionen für Jeeep bei, schreiben die
Stimmen für die Instrumente. Wer aber arrangiert die Stücke anschließend für das
Trio?
Wagner: Das macht jeder für sein Stück selbst. Wer es mitbringt sagt, wie er es
sich vorgestellt hat. Doch bereits hier setzt eine Wechselwirkung ein, wenn die
anderen sagen, mach es doch mal an der Stelle so oder so.
Frage: Erarbeitet werden die Stücke also gemeinsam. So wie vorhin, wo Thomas bei
„Mr. Chick“ gerne mal eine Oktave tiefer gehen oder einen Triller einflechten
mochte oder Ralf mit dem Bass die Akkordfolge änderte.
Wagner: Aber der Urheber hat bei allem eine Grundvorstellung, wie die
Komposition klingen sollte. Er hat die Sound-Vorstellung immer im Kopf.
CD:
Jeeep
The first cut is the jeeepest
Rodenstein records, ROD37