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JazzOpen in Stuttgart

 

Dave Brubeck und DeeDee Bridgewater als Highlights

George Benson - Photographie Hans Kumpf

STUTTGART. JazzOpen 2001 – erklärtermaßen mit mehr Jazz, mit mehr Programmpunkten. Denn erstmals beschränkte man sich im Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle nicht auf Veranstaltungen im Saale. Auch Frischluftatmosphäre auf dem neuen Robert-Bosch-Platz war angesagt. Freilich: den Auftakt machte George Benson althergebracht im nüchternen Hegelsaal. Mit dem 58-jährige Gitarristen präsentierte das viertägige Festival gleich zu Beginn einen US-Star, den man hierzulande recht selten "live" zu hören bekommt

Vereint mit dem weiteren Gitarristen Michael O’Neil, dem Pianisten David Witham und einem weiteren Keyboarder, dem Bassisten Stanley Banks, der Perkussionistin Dio Sancedo und dem Schlagzeuger Tom Hall Tom Hall spulte George Benson ein Programm ab, bei dem Spontaneität eine Nebenrolle spielte. Eine belanglose Nullnummer für Jazz-Puristen, ein wahres Freudenfest für soulige Rockfans. Ein handwerklich sicherlich gut fabrizierter Edelkitsch samt synthetischer Streichersoße, "geflügelte" Arpeggien auf den Tasteninstrumenten, viel "drive" im Rhythmus – und aufwendige Lightshow. Und Benson produzierte sich vor allem als Sänger, der herzschmerzige Lovesongs trällerte und mit seinem hohen Tenor und einem irgendwie erotischen Timbre an Freddie Mercury ("Queen") erinnerte. Seine Künste auf der halbakustischen Gitarre, auf der er schnellfingrig sowohl plastische "hornlines" als auch Oktavparallen wie ein Wes Montgomery intonierte, traten da fast in Hintergrund. Überzeugend war Benson immerhin, wenn er zu seinen Gitarrenlinien unisono in Scat-Manier sang. Er fungierte vornehmlich als stets dominierender Star - ohne jazztypische Interaktionen zu und von den Mitspielern: George Benson hätte eigentlich auch zu einem vorgefertigten Halbplayback singen und spielen können. In Stuttgart durfte er im ausverkauften Hegelsaal ein willfähriges Publikum genießen, das ihn mehrheitlich geradezu frenetisch bejubelte und oft im Takt eifrig mitzuckte.

Al Jarreau - Photographie Hans Kumpf

Während George Benson hinter Mauern und bedacht noch musizierte, stimmte die in Berlin wohnhafte Texanerin Twana Rhodes außen auf dem Bosch-Areal das wetterfeste Publikum auf Al Jarreau ein. Die temperamentvolle Sängerin und ihr Begleitquartett gefielen mit flüssiger "black music". Weniger angenehm geriet die Flüssigkeit, die vom Himmel tropfte.

Dann aber der Star des Open-Air-Spektakels. Al Jarreau. Am Beginn seines siebten Lebensjahrzehnts stehend agierte er lustbetont und frohgelaunt wie eh und je. Das regenschirmbewaffnete Publikum konnte da schnell die Unbilden des Wetters vergessen. An der Musik des Stimmakrobaten begeisterten sich rund zweitausend Zuhörer – von Sehen konnte bei den vielen aufgespannten Regenschützern ja kaum mehr die Rede sein. Wie George Benson zuvor zog auch Al Jarreau mit seiner perfekt einstudierten Band sein Programm durch, gab sich jedoch Freiräume für direkte Kommunikation mit seinen Kollegen auf den Instrumenten. Besonders interessant entwickelten sich da immer wieder die Dialoge mit Joe Turano auf dem Sopransaxofon. Das Herumtänzeln des nimmermüden Vokalartisten auf der Bühne hatte auch musikalischen Hintersinn und diente nicht als bloße Anmache.

Dave Brubeck - Photographie Hans Kumpf

Car Fontana - Photographie Hans Kumpf

Der zweite Festivaltag wartete mit einem großen Namen und (trotzdem?) mit einem absoluten Highlight auf. Dave Brubeck hat mittlerweile 80 Jahre auf dem Buckel und etliche Bypass-Operationen hinter sich, einen Altersmitleidsbonus brauchte der Pianist allerdings nicht einfordern. Wackelig auf den Beinen ist er zwar, doch mit hellwachem Blick verfolgte der Pianist seine Mitspieler, um genau reagieren und akkordliche Akzente setzen zu können. Die polystilistische Tour begann mit dem "St. Louis Blues" und streifte auch das unvermeidliche "Take Five". Selbst vertrauten Themen gewann Brubeck neue Aspekte ab, so auch Gershwins "I Got Rhythm" mit verqueren harmonischen Wendungen. Noch nie galt Dave Brubeck als Super-Swinger, aber was der coole Meister im vollbesetzten Hegelsaal der Liederhalle bot, geriet in der (kompositorischen) Konzeption und zuweilen auch im starren Rhythmus, der zu Rock und Barock tendierte, stets spannungsreich.

Für viele Zuhörer überraschend gut stieß Bobby Militelli ins Horn: schwergewichtig von Statur, aber überaus schlank und temperamentvoll in Phrasierung und Linienführung. Da führte der Altsaxofonist weg von Paul Desmond - hin zu Charlie Parker, und selbst free-jazzige Klangströme verabscheute er nicht. Auch der weniger auffällige Schlagzeuger Randy Jones ist ein langjähriger Mitspieler Brubecks, während Bassist Michael Moore kurzfristig in das aktuelle Quartett aufgenommen wurde. Der auf Long Island als Kontrabass-Professor tätige Saitenkünstler beeindruckte besonders durch seine saubere Streicharbeit mit Bogen.

Nochmals Altherren-Jazz sodann bei den "West Coast All Stars". Recht rüstig zeigten sich die Jazz-Legenden Conte Candoli (Trompete), Teddy Edwards (Tenorsaxofon) und Carl Fontana (Posaune) – ein nette Nostalgie "live" und authentisch. Aufregend Neues passierte hier nicht mehr. In dieser distinguierten Runde werden sich die profilierten Männer wohl nie wieder treffen können. So war es sinnvoll, das Konzert in Bild und Ton mitzuschneiden. Auch der Auftritt vom "Dave Brubeck Quartet" wurde digital konserviert. Der Sendetermin im Regional-TV-Programm "Südwest" steht noch nicht fest, außerdem soll das erstellte Video weltweit Fernsehsendern angeboten werden.

 

Nils Petter Molvaer - Photographie Hans Kumpf
B. Gliberto - Photographie Hans Kumpf

Auf dem Vorplatz lauschte stehend und auf Treppenstufen hockend derweil ein jüngeres Publikum zwei von Trompetern angeführten Bands. Der von "Tab Two" her bekannte Joo Kraus vollführte mit seiner "Advanced Combo Funk" einen hyperaktiven HipHop, wuselig und mitreißend. Mehr Techno-Gedröhne ließ der norwegische Newcomer Nils Petter Molvaer erschallen, brachte jedoch auch lyrische Momente ein. Ohne Regen ging auch am späten Samstagnachmittag das dritte Konzert auf dem Bosch-Areal vonstatten. Latin-Jazz diente als gemeinsamer Nenner von vier Ensembles. Nach "Quartiere Latino" des in Stuttgart lebenden italienischen Bassgitarristen Franco Petrocca wirkte die kubanische Vokalistin Maria Ochao relativ eintönig. Über ein mädchenhaftes Timbre verfügt die Vokalistin Bebel Gilberto, unweigerlich fühlt man sich da an Astrid Gilberto erinnert: Bossa Nova voller Leichtigkeit. Kraft und Unbeschwertheit kombinierte schließlich Gitarrist Lothar Schmitz. Fetzige Bläsersätze und die vitale Perkussionsarbeit (Hector René Colon, Birgit von Straelen) verfehlten ihre Wirkung bei dem Projekt "Mambebop" nicht.

Verband Lothar Schmitz lateinamerikanische Rhythmen mit Charlie Parker, so widmete der Journalist Werner Stiefele und nunmehrige Leiter der Dienststelle Kulturinformation der Stadt Stuttgart, dem Bebop-Revolutionär eine "Sprechoper". Stiefele kreierte und besorgte bei "Bird and Soul" kenntnisreich die Texte, die vielfach von Drogen, Sex und Business handelten, und der Schauspieler Klaus Hemmerle interpretierte diese aktionsreich und sehr musikalisch. Das Trio um den Pianisten Frank Bebelaar verzichtete bewusst auf Parker-Zitate, vielmehr setzte es im Schillersaal die dramatische Stimmungslage gewitzt in Musik um.

Im unbestuhlten Hegelsaal war währenddessen Fusion angesagt. Das Stuttgarter Quartett "orbit.experience" ging einen außergewöhnlichen Pakt ein, und zwar mit dem einst von Karl Münchinger gegründeten Stuttgarter Kammerorchester. Das seriöse Streicherensemble hatte aber recht einfache Arbeit zu leisten. Meist herrschten romantische Kantilenen vor, suggestive Hörerlebnisse wie bei herkömmlicher Filmmusik wurden konstruiert. Der auch an Keyboards fingernde Trompeter Sebastian Studnitzky fungierte noch als Dirigent, und am Schlagzeug saß Florian Dauner, der Sohn von Wolfgang Dauner.

Mit Knebelverträgen versuchte das Management der französischen Formation "St. Germain", die freie Fotoberichterstattung zu behindern. Der im Hintergrund thronende "Maschinist" Ludovic Navarre fühlt sich offensichtlich als Mega-Star und liefert die entsprechenden Allüren gleich mit. Ohne musikalischen Tiefgang zelebrierte er Techno unter der Bezeichnung "French Touch". Freilich: auch Ludovic Navarre und sein Septett fanden zu mitternächtlicher Stunde ein begeistertes Publikum.

Dee Dee Bridgewater - Photographie Hans Kumpf
Jane Monheit - Photographie Hans Kumpf

Furios gab sich das Finale am vierten Festivaltag fürwahr: DeeDee Bridgewater begann ihren Auftritt im Duo mit dem Drummer André Ceccarelli und bewegte sich von der ersten Sekunde an auf höchstem Intensitäts- und Improvisationsniveau. Eine wirklich kreative Künstlerin, musikalisch voll emanzipiert, raukehlig in der Stimme, ohne falsche Sentimentalitäten. Als die Vokalistin 1999 auf dem gleichen Podium zusammen mit Lionel Hampton konzertierte, musste sie sich in ihrem Temperament zurücknehmen, um den altersschwachen Vibrafonisten, der beängstigend im Zeitlupentempo agierte, nicht noch mehr bloßzustellen. Jetzt konnte sie bei den JazzOpen ihr souveräne Artistik voll ausleben, ihrer individuellen Ausprägung treu bleiben und brauchte trotzdem Ella Fitzgerald als Vorbild nicht zu verleugnen. Süffisant imitierte auch DeeDee Bridgewater überaus klangecht diverse Instrumente - ein einzigartiges Energiebündel, keineswegs eine betuliche Nightclub-Tante. Interaktionsfreudig kommunizierte die in Frankreich lebende Afroamerikanerin bestens mit dem Pianisten Thomas Bramerie. Nur schade, dass die Performance nicht aufgezeichnet wurde. Der Südwestrundfunk hat sich eben rar gemacht.

Als Jury-Mitglied "entdeckte" DeeDee Bridgewater bei der "Thelonious Monk Institute Vocal Competion" vor drei Jahren Jane Monheit, die mittlerweile dank eines guten Managements weltweit schnell bekannt wurde – und die Schönheit der Monheit regelrecht vermarktete. Am 3. November 1977 wurde das Gesangstalent geboren, das sich dann an Sarah Vaughn und Carmen McRae orientierten sollte. Jane Monheit bedient sich altvertrauter Standards, deutet deren Texte adäquat aus und konserviert die Stimmungen antiker Jazz-Zeiten perfekt. In Stuttgart dabei auch die Schnulze "Over The Rainbow", die sie bereits im zarten Alter von zwei Jahren angestimmt haben soll. Die mittlerweile 23-Jährige glänzt mit einer durchaus angenehmen Stimme. Doch als wirkliche Jazz-Sängerin müsste sie auch improvisieren wollen und können – nur brav die Themen vorzutragen, dies gilt nicht.

Über mangelndes Zuhörerinteresse mussten sich die Veranstalter diesmal nicht beklagen. Aus der Region Mittlerer Neckar strömten genügend Fans nach Stuttgart. Andere und bessere Festivals gab es am gleichen Wochenende zuhauf, man denke nur an das monströse "Northsea Jazz Festival" in Den Haag. So verwundert es nicht, dass sich vielfach die Programmpunkte ähnelten, wenn die amerikanischen Stars auf dem Alten Kontinent allerorten präsent waren. Hätte das Wetter besser mitgespielt, dann wäre dem Freiluft-Part bei "JazzOpen" ein noch größerer Erfolg beschieden gewesen.


(Juli  2001)

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Text und Photographie von Hans Kumpf

 


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