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Jazzwerkstatt Nr. 3 
„THE ART OF THE DUO“
 

Aki Takase & Rudi Mahall / Joe Sachse & Ernst Bier
Joachim Kühn & Louis Sclavis
am 15. Februar 2007 im Kammermusiksaal Berlin.
Ein Bericht von Jürgen Sprave


Trotz übermächtiger Konkurrenz durch die Filmfestspiele finden sich im Kammermusiksaal ein paar hundert Zuhörer zur jazzwerkstatt Nr. 3 „THE ART OF THE DUO“ ein. Drei sehr unterschiedliche Duos stehen diesmal auf dem Programm.

Den Anfang machen Aki Takase und Rudi Mahall, der für den erkrankten Alexander von Schlippenbach einspringt. Schon äußerlich sind die beiden ein merkwürdiges Paar. Hier die zierliche und zurückhaltende Japanerin im schlichten schwarzen Kleid, dort der gut einen Kopf größere und immer verschmitzt lächelnde Rudi Mahall im blauen Anzug und großkarierten Hemd. Zudem scheint sich sein Körperbau über die Jahre seinem Instrument, der ellenlangen, gewundenen Bassklarinette, verblüffend angeglichen zu haben. Entsprechend skurril ist auch die Musik des Duos. Aki Takase wirbelt mit den Händen über die gesamte Tastatur des Klaviers, stößt kraftvoll darauf nieder und nimmt – wenn die Hände nicht ausreichen - auch mal den Ellenbogen zur Hilfe, dass die Töne nur so durch den Saal stieben. Mahall presst die Töne aus seinem Instrument, kiekst, verschmiert und biegt sie sich zurecht und ist dabei stets mit dem ganzen Körper bei der Sache. Es scheint so, als würden Thelonious Monk und Eric Dolphy im Jahr 2007 über die Bürgersteige Berlins hasten, und die sind bekanntlich häufig schadhaft. Das klingt nicht gelassen und elegant sondern eher kantig und bizarr, ist kein Spaziergang sondern ein halsbrecherischer Galopp über holpriges Terrain, bei dem Takase und Mahall sich offenbar über jedes erfolgreich genommene Hindernis freuen. Die eine oder andere Schramme und ein paar blaue Flecken werden dabei gerne in Kauf genommen.

Der E-Gitarrist Joe Sachse und der Schlagzeuger Ernst Bier kommen sympathisch unprätentiös daher. Offensichtlich hat man sich nicht die Mühe gemacht Cordhose und T-Shirt gegen eine feine Bühnengarderobe einzutauschen. Auch das Geld für den Friseur hat Joe Sachse gespart. Entsprechend unverkrampft ist ihr Ansatz. Eine Hommage an die Beatles gilt zwar gemeinhin als populistisch und damit als Igitt! Aber ihnen geht es nicht um das Herunterspielen der zu genüge bekannten Beatles-Hits. Sachse und Bier machen sich über die alten Gassenhauer her, um sie lustvoll in kindlich frecher Weise zu zertrümmern und auf ihre eigene Art wieder zusammenzusetzen. Dabei verlieren sie keine Zeit damit, Pausen zwischen den einzelnen Stücken einzulegen, vielmehr werden die Riffs und Melodien solange bearbeitet wie sie halten um dann ohne zu zögern zum nächsten Thema überzugehen. Der Impulsgeber ist hier der äußerst flinke und erfinderische Joe Sachse. Ernst Bier bleibt ihm aber stets auf den Fersen und hält Sachses Eskapaden gerade noch im Zaum. Zwischenzeitlich geht allerdings schon mal etwas zu Bruch. HERE COMES THE SUN bekommt einen wilden, perkussiven Mittelteil vepasst bevor man doch noch zur Melodie zurückfindet und I AM THE WALRUS mutiert zum ohrenbetäubenden und berauschenden Gejaule. Der Titel ihres Programms HELTER SKELTER (zu Deutsch: HOLTERDIPOLTER) ist also gut gewählt. Das treibt die eine oder andere reifere Dame aus dem Saal, macht den anderen aber einen Riesenspaß, denn das kracht auch mal und rockt, dass die Funken sprühen.

Bei allem subversiven Witz dieser Musik kann dies natürlich nur auf Grundlage von Melodien gelingen, die wirklich jeder nachpfeifen kann. Stets bleibt die Spannung zwischen dem Vertrauten und den Sprüngen ins Unbekannte erhalten. Versöhnlich fällt die Zugabe aus: Am Bühnenrand auf dem Fußboden sitzend spielen Sachse auf der ausgestöpselten E-Gitarre und Bier mit den Besen auf dem Fußboden trommelnd YESTERDAY bevor sie sich lachend gegenseitig auf die Schenkel klopfen.

Mit Joachim Kühn und Louis Sclavis zieht wieder Ernsthaftigkeit in den Kammermusiksaal ein. Beiden Musikern hört man ihre musikalische Erfahrung auch mit der Klassischen Musik und der Europäischen Folklore deutlich an. Der Pianist und Altsaxofonist Kühn und der Klarinettist Sclavis spielen eine warme und stimmungsvolle Musik, ebenso virtuos wie komplex. Kühn hängt mit seiner grauen Mähne über das Klavier gebeut tiefsinnigen Gedanken nach und läßt die Musik wogen und wallen. Das wirkt oft etwas entrückt und schwermütig, beinahe pathetisch. Es gibt zwar durchaus heitere Passagen, die jedoch immer wieder vom Ernst eingefangen werden. Selbst wenn Kühn auf dem Alt-Sax und Sclavis auf der Bass-Klarinette eine folkloristisch wirkende, tänzerische Melodie anstimmen und daraus ein kunstvoll verzahntes Duett aufbauen, klingt das so, als würden sie einer gemeinsamen Erinnerung an heitere, aber längst vergangene Zeiten nachhängen. Der gelegentlich durchscheinende Humor der beiden ist daher auch eher ein Augenzwinkern unter Eingeweihten. Das hat etwas von einem vollen, reifen Rotwein, macht aber auch leicht etwas benommen. Gerade den etwas gesetzteren Herrschaften im Publikum scheint dies aber umso mehr zu munden.

Der Reiz dieses Abends mit so unterschiedlichen Musikern und Konstellationen liegt nicht zuletzt im Kontrastreichtum der einzelnen Duos untereinander. Der anarchische Witz Joe Sachses und Ernst Biers steht in krassem Gegensatz zur würdevollen Kammermusik Joachim Kühns und Louis Sclavis'. Auch kann man sich kaum einen größeren Kontrast zwischen dem temperamentvollen Spiel Aki Takases und dem Humor von Rudi Mahall einerseits und der Ernthaftigkeit Joachim Kühns und Louis Sclavis' andererseits vorstellen.

Die nächste Berliner Veranstaltung der jazzwerkstatt findet Mitte März im RADIALSYSTEM im Ostteil der Stadt statt. Auf dem Programm stehen Alexander von Schlippenbach mit MONK'S CASINO und der Saxofonist Alan Skidmore mit einem Coltrane-Programm.


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